Peter Gabriel – Peter Gabriel (1978)


In der aktuellen Ausgabe des deutschen Rolling Stone (November 2015) gibt es eine interessante Umfrage unter den Abgeordneten des Deutschen Bundestages zu ihren Lieblingsalben. Alle Mitglieder wurden angefragt, gut 200 (also knapp ein Drittel) haben auch geantwortet. Das Ergebnis lässt zwar keine spektakulären Rückschlüsse zu, zeigt aber, daß unsere Politiker zumindest beim Musikgeschmack noch ganz in der Mitte der Bevölkerung verwurzelt sind. Bei Lehrern, Sterneköchen oder Arzthelferinnen hätte die Liste sicher ähnlich ausgesehen. Und so überraschen die parteiübergreifenden Nennungen zu Peter Gabriel (das erste Solo-Album, „So“ und „Secret World Live“) nicht wirklich. Genesis wurden übrigens von keinem erwähnt.


Als ich begann, für diese Seite zu schreiben, war „So“ noch ein ernsthafter Kandidat. Irgendwann verwarf ich eine Besprechung jedoch zugunsten des zweiten Albums. Auf die Gründe werde ich noch eingehen. Zuerst muß aber zur besseren Verständigung noch das Thema „Albumtitel“ geklärt werden. Die vier ersten LPs nach der Trennung von Genesis heißen ja bekanntlich alle „Peter Gabriel“. Das kannte man bislang nur von Led Zeppelin und provoziert bei korrekter Handhabung ständiges Nachfragen. Und wie bei den Londoner Superstars bürgerte sich auch bei den Platten Peter Gabriels eine inoffizielle Bezeichnung von „I“ bis „IV“ ein. Phantasievoller sind jedoch die Namen, die sich der Volksmund dafür einfallen ließ. Basierend auf den Covermotiven (alle von Hipgnosis entworfen) setzten sich unter Fans und Sammlern die folgenden Begriffe durch: „Car“ (I), „Scratch“ (II), „Melt“ (III) und „Security“ (IV). Letztere hieß in den USA und Kanada übrigens sogar offiziell so. Wir reden hier also von „Scratch“, was den meisten meiner Leser aber sicherlich schon wegen der Jahreszahl in der Überschrift klar war.


Gabriel entstammte einem gutbürgerlichen Elternhaus. Einer seiner Urahnen war im 19. Jahrhundert sogar Londoner Oberbürgermeister, was einen nicht vererbbaren Adelstitel mit sich brachte. Und nein, er hieß Thomas, nicht Moribund! An der renommierten Charterhouse School in Surrey spielte Peter in seiner ersten Band noch Schlagzeug. 1967 kam es zur Gründung von Genesis. Tony Banks, Anthony Phillips, Mike Rutherford sowie der Produzent ihres ersten Albums, Jonathan King, waren allesamt ebenfalls Charterhouse-Schüler, heute stolz OCs (Old Carthusians) genannt. Die Lehranstalt, die mit ihren Traditionsfarben, Schuluniformen, „boarding houses“, „House Masters“ und „House Apostles“ irgendwie an Hogwarts erinnert, brachte seit dem 17. Jahrhundert unzählige Offiziere, Bischöfe, Politiker, Finanzjongleure und berühmte Cricketspieler hervor. Aber eben auch Komponisten, Dichter, Musiker und Schauspieler, was eine schöne, direkte Linie zu Gabriels Genesis-Jahren ergibt. Im August 1970 stieß Phil Collins (Ex-Flaming Youth), der im Teenageralter als Statist im Beatles-Film „A Hard Day's Night“ mitgewirkt und gerade bei George Harrisons „Art Of Dying“ Percussion gespielt hatte, zur Band. Ende des Jahres ersetzte dann Gitarrist Steve Hackett Anthony Phillips und vervollständigte die „klassische“ Genesis-Besetzung.

Zu diesem Zeitpunkt hatte man bereits zwei sehr unterschiedliche LPs vorgelegt, die jedoch kaum Beachtung fanden. Erst bei „Nursery Cryme“ (1971) wurde man auch in England hellhörig. Das gesteigerte Interesse in Ländern wie Italien, Belgien oder Deutschland, das übrigens auch den, in der Heimat ebenfalls überhörten Kollegen von Van der Graaf Generator zuteil wurde, schlug sich jedoch noch nicht in nennenswerten Verkaufszahlen nieder. Die konnte man dann erstmals mit „Foxtrot“ (1972) verbuchen. Ein Jahr später gelang mit „Selling England By The Pound“ das, was man heute mit etwas Wohlwollen als internationalen Durchbruch bezeichnen könnte. Dazu trugen ganz maßgeblich ausgedehnte Tourneen und die Singleauskopplung „I Know What I Like“ bei.


Nun liegt es in der Natur der Sache, daß sich der Fokus von Publikum und Presse besonders auf den Frontmann einer Band richtet. Wenn der dann, wie Peter Gabriel, höchst charismatisch daherkam, sich, weitgehend von instrumentalen Beiträgen befreit, ganz auf seinen Gesang konzentrieren konnte und durch lange wie rätselhafte Ansagen und phantasievolle Kostümierungen praktisch „die Show“ allein zu bestreiten hatte, während zum Beispiel Steve Hackett fast regungslos am Rand der Bühne stand (oder saß), potenzierte dies das Interesse nur noch. Doch auch wenn Gabriels Rolle aus dem Konzept der Band resultierte und von allen Beteiligten mitgetragen wurde, mußte eine so ungleiche Verteilung der öffentlichen Wahrnehmung selbst in einem funktionierenden Kollektiv (das Genesis damals noch irgendwie war) letztendlich zu Unstimmigkeiten führen. Wegen massiver Probleme während der ersten Schwangerschaft seiner Frau war Peter Gabriel in der ersten Hälfte des Jahres 1974 an der musikalischen Entwicklung von „The Lamb Lies Down On Broadway“ so gut wie nicht beteiligt (die Texte kamen aber weiterhin hauptsächlich von ihm), sondern flirtete lieber mit einem Filmprojekt. Zu den Aufnahmen und der sich anschließenden sechsmonatigen Tournee war er jedoch wieder an Bord. Seine diversen Kostümwechsel und Maskierungen zogen zwar mehr Schaulustige denn je an, ließen jedoch die Musik mehr und mehr zur Nebensache werden und verstärkten bei seinen Kollegen das ungute Gefühl, lediglich noch die Begleitband ihres Sängers zu sein. Absehbarem Ärger kam der dann mit seinem Ausstieg nach der Tour zuvor, den er damit begründete, vom Musikgeschäft desillusioniert zu sein und sich mehr um seine Familie kümmern zu wollen. Immer wieder wurde betont, daß man sich im Guten getrennt habe, was wohl auch stimmte, angesichts noch folgender Ereignisse.


Im Mai 1975 stand die Band also ohne Sänger, der sich tatsächlich ins Privatleben zurückzog, da. Steve Hackett hielt eine gemeinsame Zukunft für sehr unwahrscheinlich und nahm sein erstes Soloalbum „Voyage Of The Acolyte“ auf. Nachdem die Band Collins' Vorschlag, eine reine Instrumentalplatte herauszubringen, einstimmig ablehnte, sah man sich nach einem geeigneten Ersatzsänger um. Als man nicht fündig wurde, übernahm Phil Collins den Part. Der Rest ist bekannt.


Das Familienleben wurde Peter Gabriel dann relativ schnell langweilig (auch gingen wohl die Vorräte zur Neige), und so begann er im Juli 1976 in Toronto mit den Aufnahmen zu seinem ersten Solowerk. Als Produzenten wählte er den Kanadier Bob Ezrin, der damals mit Alice Cooper und Kiss eng zusammenarbeitete und ab „The Wall“ auch mit Pink Floyd erfolgreich werden sollte. Als „Car“ im Februar 1977 erschien, warteten die zahlreichen Anhänger im noch weitgehend ungeteilten Genesis-Lager schon gespannt darauf, in welche Richtung sich ihr einstiger Liebling wohl entwickeln würde. Seine Ex-Band hatte mit „A Trick Of The Tail“ und „Wind & Wuthering“ bereits zwei sehr erfolgreiche LPs veröffentlicht, auch wenn Fans der ersten Stunde so langsam ein mulmiges Gefühl beschlich. Gabriels Debüt wurde durch die Neugier und vor allem das auch heute noch grandiose „Solsbury Hill“ bis auf Platz 7 der englischen Charts gehoben. Die Songs waren wesentlich kompakter geworden, auf schwelgerische Instrumentalpassagen wurde verzichtet. Die Texte blieben zwar rätselhaft, waren aber jetzt persönlicher und weniger verschwurbelt. Der Sound war ganz auf der Höhe der Zeit. Mit dem Bassisten Tony Levin und Larry Fast am Synthesizer tauchen hier erstmals zwei Musiker auf, die Peter Gabriel über weite Strecken seiner Karriere begleiten sollten. Auch Robert Fripp gehörte zum Team. Der kreative Kopf und Gitarrist von King Crimson hatte auch schon während der fruchtbarsten Phase seiner Stammband (1969 bis 1974 mit insgesamt sieben Alben) häufiger als Gast an außergewöhnlichen Platten (Brian Eno, Van der Graaf Generator, Matching Mole) mitgewirkt, sich aber nach dem vorläufigen Aus von King Crimson verstärkt außermusikalischen Projekten gewidmet. Für „Car“ kam er nun wieder ins Studio, begleitete Gabriel auf der Promotiontour zum Album und wurde dann als Produzent für den Nachfolger engagiert, da der Perfektionist Peter Gabriel sein Debüt (und besonders „Here Comes The Flood“) als überproduziert ansah.


Die ersten fünf Studioalben des Engländers tragen allesamt unterschiedliche musikalische Handschriften, und jede hat ihren ganz eigenen Sound (kein Wunder bei fünf verschiedenen Produzenten). Auf „Scratch“ ist keiner meiner persönlichen Top-5-Songs des Künstlers enthalten. Ich halte sie nicht für seine beste, aber für die spannendste Platte, weil sie (womöglich gar wegen der fehlenden Hits) von Anfang bis Ende ungeteilte Aufmerksamkeit einfordert. Und, selten über- aber oft unterschätzt, wächst sie noch immer. Vielleicht bin ich ihr auch besonders verbunden, weil seltsamerweise das unheilschwangere „Mother Of Violence“ der erste Song war, den ich je bewußt von Peter Gabriel gehört und auch gleich aufgenommen habe. Die Scheibe beginnt mit zwei Spätsiebziger-Rockern, „On The Air“ und „D.I.Y.“. Es folgen zwar keine weiteren, aber die Atmosphäre bleibt rockig, mit blubbernden Synthesizern, die mich ausnahmsweise mal nicht nerven und an allerlei Effektgeräte angeschlossenen E-Gitarren. Ein Problem habe ich hauptsächlich mit der zweiten Seite, die mit „Indigo“, das mich angenehm an seine besten Gesangsleistungen für Genesis erinnert, verheißungsvoll beginnt und mit dem verstörend lieblichen „Home Sweet Home“ endet. Dazwischen jedoch scheint er den Beweis führen zu wollen, daß er, was Kreativität und Risikofreude betrifft, der alleinige Verwalter des Erbes seiner alten Band ist. Da zwei Monate früher „...And Then There Were Three...“ erschienen war, wußte man das aber bereits. Wie gesagt, auf der einen Seite mag ich die Herausforderungen, die gerade Stücke wie „Exposure“ oder „Perspective“ an einen stellen, auf der anderen hätte ich mir mehr von der Geschlossenheit gewünscht, die dann das dritte Album bringen sollte.


Auf dem experimentellen „Exposure“ setzte Robert Fripp seine sogenannten „Frippertronics“ ein, eine Art analoger Loopstation, die ihm ermöglichte, mehrere Gitarrenspuren gleichzeitig laufen zu lassen und praktisch mit sich selbst zu spielen. Erstmals hatte er das auf den Alben mit Brian Eno ausprobiert und 1977 auch auf Daryl Halls Soloalbum „Sacred Songs“ benutzt. Diese von ihm produzierte Platte sollte den Auftakt einer Trilogie mit „Scratch“ und seiner 1979 erschienenen eigenen LP „Exposure“ bilden. Doch RCA und Halls Management weigerten sich, „Sacred Songs“ zu veröffentlichen, da sie zu wenig kommerziell und zu weit weg von den Hall & Oates-LPs jener Jahre schien, was der Künstler ja wohl beabsichtigt hatte. Außerdem wurden, bis auf zwei Ausnahmen, alle Gesangsbeiträge Daryl Halls für die „Exposure“-LP auf Druck von RCA wieder entfernt. Daß Peter Hammill einige dieser Parts als Ersatzmann übernahm, dürfte hingegen kaum jemanden stören. Auf „Exposure“ selbst singt nun eine Frau: Terre Roche. Außerdem befindet sich auf dem Album auch eine wesentlich entschlackte Version von „Here Comes The Flood“, mit der Peter Gabriel wohl demonstrieren wollte, wie die Nummer seiner Meinung nach schon immer hätte klingen sollen. Warum er das nicht zwei Jahre zuvor schon Bob Ezrin klargemacht hatte, will mir nicht einleuchten. 1980 erschien dann Halls Solodebüt doch noch, und hört man sich heute die drei Platten in der ursprünglichen Reihenfolge an, landet man auf einer ungewöhnlichen Entdeckungsreise, beginnend bei Fripps Instrumentalstück „Urban Landscapes“, das sowohl auf „Sacred Songs“ als auch „Exposure“ zu finden ist, bis hin zu den zwei Versionen von Gabriels Song „Exposure“, den er gemeinsam mit Fripp geschrieben hatte. Die faszinierende Neueinspielung von „Here Comes The Flood“ bildet den Ruhepol von Robert Fripps Album, mit dem dieser einen wesentlich größeren Schritt in Richtung Avantgarde machte als Gabriel mit „Scratch“; als Daryl Hall sowieso.

Phil Collins und Peter Hammill, die bei einigen Stücken als Fripps Gäste agierten, sollten dann auf Peter Gabriels drittem bzw. viertem Album ebenfalls zu hören sein.


Die Aufnahmen für „Scratch“ begannen im November 1977 in einem Studio in Holland. Schlagzeuger Jerry Marotta war bereits in der zweiten Hälfte der ersten Tournee zu Gabriels Mannschaft gestoßen und sollte bis „So“ bleiben. Nicht zu überhören ist auch, daß Roy Bittan von Springsteens E Street Band die meisten Keyboardparts übernahm. Zuvor hatte er auch schon auf Bowies „Station To Station“ und Meat Loafs „Bat Out Of Hell“ gespielt. Neben den etablierten Tony Levin und Larry Fast war auch noch der junge Gitarrist Sid McGinnis vertreten, der später zum Inventar von David Lettermans Late Night Show werden sollte. Das Saxophon steuerte der blutjunge wie exzentrische Tim Capello bei. Heraus kam dabei die rockigste, wenn auch nicht gefälligste Platte Peter Gabriels.

Wie klingt sie denn nun? Wir sind im Jahr 1978 und Robert Fripp ist Produzent. Da der nicht nur ein außergewöhnlich innovativer Geist sondern auch alles andere als ein Leisetreter war, tönen vor allem die Gitarren sehr aggressiv, unterstreichen Gabriels teils depressive Texte mit dem nötigen Nachdruck. Dynamik ist jedoch auch in den ruhigeren Stücken reichlich vorhanden. Als audiophile Oase war die Platte jedenfalls nicht gedacht.


Da hier noch nie eine Scheibe des „Famous Charisma Label“ aufgetaucht ist, können einige einleitende Worte nicht schaden. Gegründet wurde Charisma Records 1969 von Tony Stratton-Smith, damals Manager von The Nice und Van der Graaf Generator. Los ging es mit dem legendären „Pink Scroll“-Label, das genaugenommen magentafarben war. „Trespass“, „Nursery Cryme“, die Van der Graaf-Werke zwei bis vier und Peter Hammills „Fool's Mate“ gehörten zu den 30 LPs, die ursprünglich in England so erschienen. Vertriebspartner war B&C Records. 1972 änderte sich das Labeldesign komplett, indem man sich an den klassischen Illustrationen für „Alice im Wunderland“ orientierte und drei Figuren auswählte: das weiße Kaninchen, die Grinsekatze und - im Zentrum - den Hutmacher (Mad Hatter). Heute nennt man dieses Design large hatter. Um 1974/75 schrumpfte der Hutmacher und wanderte deutlich über das Mittelloch (small hatter). Auf dem Kontinent wurde aber das große Logo weiter verwendet (siehe Bildergalerie). Danach wechselte man auch zu einem neuen Vertrieb (Phonogram). Kurz vor der Übernahme durch Virgin im Jahr 1983 änderte sich das Label erneut. Kaninchen und Katze verschwanden, blau wurde die dominierende Farbe. 1986 ging Charisma dann endgültig in Virgin Records auf, und alle folgenden Nachauflagen erschienen nun mit dessen Labels.


Als „Scratch“ Anfang Juni 1978 in England an den Start ging (Charisma CDS 4013), prangte also der small hatter auf dem Label. Die Platte selbst klingt teilweise recht harsch und kalt. Zudem nähern sich die Höhen gelegentlich der Schmerzgrenze. Absicht? Da meine deutsche (Charisma 9124 025) und französische Pressung (9103 123) ähnlich klingen, kann man wohl davon ausgehen. Wundern Sie sich nicht über das schwarze Label der Französin, das gab es dort parallel zum large hatter. Allen drei Exemplaren liegt das übliche Faltblatt mit den Originaltexten bei. Die deutsche sowie die französische Ausgabe stecken zudem in Innenhüllen, auf denen die Übersetzungen in die jeweilige Landessprache abgedruckt sind. Sehr löblich.

2002 entschied sich Classic Records in Kooperation mit Peter Gabriels Real-World-Label, sämtliche bis dahin erschienen Studioalben (also einschließlich „Us“) auf 200 Gramm schwerem „Quiex SV-P“-Vinyl neu aufzulegen. Für das Remastering war Tony Cousins vom Londoner Spezialisten Metropolis Mastering zuständig. Die Krönung bildete dann eine um den Jahreswechsel 2009/2010, kurz vor dem traurigen Ende von Classic Records erschienene Reihe in sogenanntem „Clarity Vinyl“ (also transparent). Die roten Boxen mit der silbernen Banderole enthielten vier einseitig bespielte Platten mit 45 Umdrehungen. Der Preis für so ein edles Teil lag damals bei etwa 80 Euro. Angesichts dessen, was fünf Jahre später dafür verlangt wird, dürfte sich auch so manch ausgebuffter Börsenspekulant die Augen reiben. Da mir leider schon immer die Gabe für kluge Investitionen abging, kann ich Ihnen nicht sagen, ob die, diesen Scheiben nachgesagten Wunderdinge auch zutreffend sind. Meine 2002er Ausgabe (PGLP02) bringt zumindest etwas Wärme ins Spiel und schlägt eine hörbar feinere Klinge, als die Originale. Außerdem räumt sie den Sonderpreis für die schönste Verpackung ab (sehr stabiles Klappcover mit eingeheftetem Textblatt und neu gestalteter Innenhülle).

Im Oktober 2015 veröffentlichten Real World und Charisma (heute eine Marke von Universal) die ersten vier Platten inklusive der beiden „deutschen“ Alben als Doppel-LPs mit wiederum 45 RPM. Limitiert auf 10.000 Stück (die „deutschen“ auf 3.000), wurde abermals auf das Remastering von Tony Cousins zurückgegriffen. Bei der Dynamik legt diese Pressung (PGLPR2X) noch eine Schippe drauf, was aber nicht zwingend notwendig war. Ansonsten passiert recht wenig Neues. Bei „Melt“, der dritten LP, die von Haus aus schon besser klingt, darf man sich aber zusätzlich auf ein verblüffendes Plus an Räumlichkeit freuen, das bereits ab den ersten Tönen des imposanten Einstiegs „Intruder/Eindringling“ positiv auffällt. Warum ich dann nicht gleich diese Platte besprochen habe? Weil es wirklich einfach ist, sie zu lieben.

Die neuen Ausgaben sind auch mit Blick auf das nahende Weihnachtsfest empfehlenswert, weil sie zudem bei weniger gierigen Anbietern für jeweils unter 30 Euro zu haben sind (wenn nur nicht das ständige Umdrehen wäre). Ob man bei einer 10.000er Auflage wirklich noch mit „limited edition“ werben muß, sei mal dahingestellt.

Einen, bereits von der zweiten Seite von „Sgt. Pepper“ bekannten Gimmick finden Sie jedoch ausschließlich auf dem englischen Original. „White Shadow“ am Ende von Seite 1 hört praktisch nie auf, da die Auslaufrille genaugenommen eine Endlosrille ist, immer vorausgesetzt, Sie haben keinen automatischen Tonarmlift, der zu früh auslöst.


Ab dem vierten Album (1982) hielt dann auch bei Peter Gabriel, der technischen Neuerungen ja immer sehr aufgeschlossen gegenüberstand, die digitale Technik endgültig Einzug. „Security“ wurde sogar als „full digital recording“ beworben. „So“ klang dann wieder etwas analoger (den verwendeten Studer-Bandmaschinen und Neumann-Röhrenmikros geschuldet). Aber es ist recht schwierig - zumindest unter den bezahlbaren Ausgaben - eine zu finden, die der CD tatsächlich überlegen ist und vor allem ohne dieses nervige Zischeln beim Gesang auskommt.


Bis Gabriel mit „So“ auch zu kommerziellen Höhenflügen ansetzen konnte, mußte er jedoch einige Täler durchschreiten. Das tiefste hing mit dem WOMAD-Projekt zusammen. Seine Liebe zu außereuropäischer Musik und sein Engagement für soziale Gerechtigkeit waren ja spätestens seit „Biko“ nicht mehr zu überhören. 1980 gründete er mit Gleichgesinnten WOMAD (World of Music, Arts and Dance), um Künstler aus aller Welt zusammenzuführen und ihnen eine Plattform zu geben. Das erste WOMAD-Festival fand 1982 statt und endete in einem finanziellen Desaster. Um den Fortbestand des Projekts zu sichern, schlug der Manager von Genesis ein einmaliges Reunion-Konzert Gabriels mit seiner Ex-Band (inzwischen Superstars) vor. Das fand am 2. Oktober 1982 in Milton Keynes statt. Man spielte alte Genesis-Klassiker, „Solsbury Hill“ und „Turn It On Again“ (mit Gabriel am Schlagzeug). Für die Zugaben schaffte es auch Steve Hackett, der extra aus Südamerika angereist war, unter frenetischem Jubel noch auf die Bühne. Es folgten „I Know What I Like“ und „The Knife“, die alten Fans wähnten sich in einer Zeitmaschine, und WOMAD war gerettet. Von diesem denkwürdigen Konzert existieren zumindest Tonaufnahmen in allerdings bescheidener Qualität. Das wird aber vollkommen zur Nebensache, wenn man hört, wie offenbar jeder (!) im Publikum zum Beispiel bei „Dancing With The Moonlit Knight“ oder „Carpet Crawlers“ lauthals mitsingt! Wer jemals mit diesem Sänger und „seiner“ Band fühlte, dem wird hier richtig warm ums Herz.

Sagt man heute, man sei Genesis-Fan, erntet man zuerst ein Stirnrunzeln und danach garantiert eine Frage zur zeitlichen Abgrenzung. Peter-Gabriel-Fans bleibt das erspart. Die Band-Jahre werden wie selbstverständlich mitgezählt. I know what I like.


Musik: 8,0

Klang: 7,0 (England, 1978)

Klang: 7,0 (Deutschland, 1978)

Klang: 7,0 (Frankreich, 1978)

Klang: 8,0 (USA, 2002)

Klang: 8,0 (Europa, 2015)


Ronald Born, November 2015